IT Lean Management?

Mir sind in jüngster Vergangenheit in auffallend vielen Computermagazinen Rezensionen über das „Praxishandbuch Lean Management” von Gorecki / Pautsch ins Auge gesprungen. Lean Management: Ein neuer Hype in der IT? Ein neues Schlagwort? Eine echte Alternative zu Agilität und klassischen Modellen? Lean, das klingt gut. Schlank sein möchte jeder. Schlank assoziieren wir mit sportlich, fit und leistungsfähig. Schlankes Management lässt uns hoffen, auf alle Formen nerviger Notwendigkeiten verzichten zu dürfen und endlich konzentriert und zielgerichtet an den eigentlichen Problemen arbeiten zu können. Erfüllt der Ansatz diese Vision: Kurz gesagt: Ja.

Cover Praxishandbuch Lean Management

Praxishandbuch Lean Management

Was ist Lean Management im Verständnis des vorliegenden Handbuchs aus der Praxis? Diese Frage ist nicht durch eine singuläre definitorische Klausel zu beantwortet. Die Autoren Pawel Gorecki und Peter Pautsch geben dem Leser stattdessen  einen knackigen historischen Abriss. Lean Management basiert demnach auf einer ganzen Reihe komplementärer Denkansätze. In chronologischer Reihenfolge werden genannt:

Die verschiedenen Denkrichtungen wurden überwiegend zunächst in japanischen Unternehmen bis zur Einsatzreife entwickelt. Dies prägte schon rein etymologisch die zugrundeliegenden Begrifflichkeiten. Und führt bis heute zur Annahme, die Lean-Philosophie sei eng mit der japanischen Kultur verknüpft und nicht auf westliche Maßstäbe übertragbar. Die Autoren widerlegen diese Annahme. Zwar bedingen alle der oben genannten Denkrichtungen den Wunsch nach permanenter Verbesserung und prozesshaftes Denken, was ihren Erfolg in ehrgeizigen und disziplinierten Staats- oder Unternehmenskulturen begünstigen dürfte. Im Kern geht es bei Lean Management indes um die Vermeidung von Leerlauf, Overhead und Verschwendung. Die Vermeidung von Verschwendung passt tatsächlich sehr gut zum Streben nach maximaler Wertschöpfung. Der Einsatz von Lean Management ist somit schlicht vernünftig (in diesem Sinne) und vollständig kompatibel zum auf Gedankengut der Aufklärung basierenden Ansatz westlicher sozialer Marktwirtschaften.

Einen seiner frühen Ursprünge hat Lean Management im Automobilbau. Die bekannteste und wahrscheinlich erfolgreichste Umsetzung eines Lean-Ansatzes ist das Toyota Production System; TPS prägte seinerseits die Vision des Lean Managements entscheidend mit. Das Praxishandbuch zeigt aufgrund dessen auch keinen Ansatz auf, Lean Management auf Software-Herstellung zu übertragen. Lean Management ist eine allgemeine Organisations- und Führungstheorie, geschaffen und erfolgreich umgesetzt im produzierenden Gewerbe. Warum also die vielen Rezensionen in IT-Fachzeitungen? Die Antwort liegt implizit in der einleitenden Metapher des Buchs:

Stellen Sie sich vor, Sie sind Produktionsleiter in einer Chemiefabrik, die in der Produktion feuergefährliche Stoffe einsetzt. Jeden Tag gibt es an irgendeiner Stelle in der Produktion Brände. Die Brände sind teils schwerwiegend und müssen sofort bekämpft werden, um größere Schäden zu vermeiden. Die Werksfeuerwehr ist gut ausgerüstet und um Umgang mit diesen Bränden geübt. Auch die Mitarbeiter sind auf die Bekämpfung von Bränden trainiert und können sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. [...] Der Analyse der Ursache der Brände wird nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Begründung dafür ist einfach: Wir haben keine Zeit. 1

Die Aussage dieser Metapher muss jedem IT-ler unmittelbar aus der Seele sprechen! Jeden Tag verbringen wir damit, Brände zu löschen. Schlimme Projekte eilen von einem Brand zum nächsten. Meist werden Brände nicht einmal vollständig gelöscht, sondern entfachen beim nächsten Windstoß erneut – und selbst das wird gelegentlich billigend in Kauf genommen, um schnell zum nächsten Brandherd zu eilen. Ursachen-Analyse: Fehlanzeige. Lessons Learned: Selten. Verbesserungen für die Zukunft: Lediglich durch Kopfwissen. Und der Grund: Wir haben doch keine Zeit.

Aber ist das wirklich so? Haben wir Zeit? Es gibt zwei bedeutende Unterschiede zwischen produzierenden Gewerbe und Software-Entwicklung. Erstens handelt es sich bei Software um ein semiotisches Produkt. Es besteht aus Zeichen. Als eine Konsequenz kann Software seiner Natur nach praktisch unbeschränkt und jederzeit an jeder Stelle nachträglich verändert werden. Zweitens handelt es sich Software um Entwicklungsvorhaben. Software wird in Projekten entwickelt und kann nach seiner Fertigstellung beliebig oft und praktisch kostenfrei kopiert und vervielfältigt werden. Produzierendes Gewerbe hat seine wesentlichen Herausforderungen im Ausschuss der Produktion. Software-Entwicklungsprojekte sind regelmäßig einmalige Vorhaben, zu denen glorreiche Spezialisten an einem physischen oder vermehrt virtuellen Ort zusammengezogen werden. Sie setzen das definierte Vorhaben in die Tat um.

Ich glaube, diese beiden Aspekte begünstigten in der Vergangenheit den weitgehenden Verzicht auf alle prozessqualitätssteigernden Maßnahmen aus dem Baukasten des Lean Management. Die pure Möglichkeit, auch nachträglich alles ändern zu können, verführte uns dazu es auch zu tun. Der Begriff der Technischen Schuld, wie er von Altvorderen wie Martin Fowler oder Ward Cunningham definiert wird und die Vision  des »Clean Code« von Robert C. Martin zeigen eindrucksvoll, wie falsch der Ausgang aus diesem Paradies gewesen ist. Ebenso verführt die inhärente Produktstruktur von Software-Entwicklungsvorhaben Manager und Stakeholder Software-Budgets als Projekt-Budgets zu betrachten. Eine Betrachtung im Sinne der Gesamtbetriebskosten (Total Cost of Ownership) gewinnt nur langsam an Bedeutung. Meist fehlen das technische Verständnis und eine ausreichende Visualisierung von Software- und Architektur-Problemen, um Entscheidern den Zusammenhang zwischen Projekt- und Wartungs-Budgets zu verdeutlichen. Im Zweifel greift allzu oft Paradigma Nummer Eins: Was wir im Projekt nicht schaffen, machen wir im Application Management. Und schließlich werden Software-Projekte noch immer als willkommene Option zur Kostenreduktion verstanden. Je mehr Reduzierung, desto besser. Und Kostendruck bedingt Zeitdruck im Team.

Besser im Sinne der Total Cost of Ownership wäre es dagegen, alle Software-Projekte eines Unternehmens oder einer Abteilung ganzheitlich als ein Teil der Wertschöpfung zu betrachten. Aufgaben wir die Software-Integration, Qualitätsstandards, Infrastrukturen und Prozesse zur Ablage und Versionierung von Artefakten oder auch Architektur-Guidelines können projektübergreifend erarbeitet werden und dürften nicht in jedem Projekt neu zu erfinden sein. Software-Projekte sollten sich in eine unternehmensweit abgestimmte IT-Strategie einfinden. Die Änderungen an der Systemlandschaft und die Landschaft selbst müssen jedem Mitarbeiter transparent gemacht werden, wie im Visuellen Management des Lean Management (gemäß den Autoren des Praxishandbuchs einer der Schlüsselbegriffe) vorgesehen.

Hernach kann damit begonnen werden, die Werkzeuge und Methoden des Lean Managements für die IT zu adaptieren. Nicht alles ließe sich direkt anwenden, aber vieles übertragen. PDCA-Zyklen können projektübergreifend Anwendung finden und ihre langfristige Wirkung entfalten. Der Ansatz der ständigen Verbesserung (Kaizen) etablierter Standards passt gut zur prozessorientierten Arbeitsweise der Software-Entwicklung. Er greift aber nur dann, wenn die einzelne Projekte vergleichbar bleiben und Standards projektübergreifend eingesetzt werden können. Die Erhebung von Key Performance Indicators (KPI) erlaubt unter diesen Voraussetzungen das Benchmarking von Projekten mitsamt der Ableitung von Effizienzpotentialen. Die Philosophie des Genchi Genbutsu wird IT-Managern helfen, wieder ein besseres Verständnis für Problemursachen, Mitarbeiter und Dienstleister in ihren Projekten zu entwickeln. Gorecki und Pautsch nennen dazu mit Recht die verräterische, aber gängige Attitüde des „sich berichten lassen”. Richtig und notwendig ist es, selbst zum (meta-physischen) Ort der Ursache zu gehen, um die zwangsläufigen Verfälschungen durch Informationsfilter, mehrfache Beschönigungen und das unvermeidliche »Stille-Post-Prinzip« zu verhindern.

Andere Werkzeuge des Lean Management lassen ggf. nicht auf Software-Projekte übertragen oder sollten sinnvollerweise anders gestaltet werden. Der A3-Report sollte in der IT besser computerbasiert umgesetzt werden – ohne dabei die grundlegende Idee zu vergessen, alle wirklich wesentlichen Informationen übersichtlich an einem Ort zusammen zu stellen. Werkzeuge wie Sonar2 bieten dafür schon heute einen guten Ansatz, ebenso andere Management-Cockpits. Für den 8D-Report wurden in der Software-Entwicklung leistungsfähigere Analyse-Methoden entwickelt. Anstelle eine Gruppe von Beanstandungen in einem eigenen Projektteam zu hinterfragen, werden die granularen Einzelprobleme in Bug-Reports und Tickets erfasst und sytematisch computerbasiert abgearbeitet und dokumentiert. Hier fehlt es lediglich an der Identifikation von abstrakten Fehlerursachen und in jedem Fall die Ableitung von Maßnahmen, diese Ursachen in Zukunft zu vermeiden. Das bekannteste Beispiel hierfür ist wahrscheinlich die mangelhafte Dokumentation von Anforderungen.

Es bedarf somit eines Umdenkens und eines umfangreichen Transformationsschrittes, um die Lean-Philosophie in der Welt der Informationstechnologie heimisch zu machen. Dann aber verspricht dieser seit vielen Jahren im produzierenden Gewerbe bewährte Ansatz der jungen Disziplin Software-Engineering zur dringend notwendigen Stabilität und Determinierbarkeit zu verhelfen. Notwendige Voraussetzung dazu ist indes die Beseitigung von zwei gravierenden Barrieren in unseren Köpfen. Nicht alles was möglich ist, ist auch gut und richtig. Und ein Software-Budget ist kein Projekt-Budget. IT Lean Management ist dann keine Alternative oder Konkurrenz zu agilen oder klassischen Vorgehensmodellen, sondern kann eine hilfreiche Ergänzung sein, um die Gesamtbetriebskosten von Software entscheidend zu verringern, inhärente Risiken zu reduzieren und dem verantwortlichen IT-Management das Heft des Handels endlich wieder in die Hand zurück zu geben.

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  1. Gorecki, Pawel; Pautsch, Peter: „Praxishandbuch Lean Management”, Carl Hanser Verlag, München 2013
  2. Werkzeug zur Messung der technischen Qualität von Source-Code, http://www.sonarqube.org/

Galaria Cross Channel Commerce

Der Branchendialog E-Commerce des BITKOM hat zwölf Thesen zum Thema Cross-Channel-Commerce erarbeitet.1 Ein gutes Beispiel für die richtige Messlatte von Cross-Channel-Commerce ist die Galaria Kaufhof GmbH.

Kaufhof ist Kaufhaus. Kaufhof ist alteingesessen. Kaufhof ist präsent in Deutschlands Innenstädten; mit gigantischen Beton-, und großen Glas-Palästen. Kaufhof ist in allen Generationen bekannt. Kaufhaus ist Komplettangebot – Klamotten, Schmuck, Haushaltswaren, Schreibbedarf, Spielzeug, Sport, Restaurant & Frisör – all das ist Kaufhof. Aber der Kaufhof ist auch ein Relikt. Die sehr alten Häuser (Beispiel: Köln) versprühen zwar Jugendstilcharme, aber insbesondere die Nachkriegshäuser können auch mit noch so viel „Galaria” ihr fensterloses Nachkriegszeugnis nicht ablegen. Das ist viel Potential, aber auch viel Herausforderung bei der Überführung in die Digitale Transformation des Handels zur Jahrtausendwende.

Einen persönlichen Standestest konnte ich kürzlich bei der Suche nach dem von mir favorisierten Duschgel erleben. Google Shopping zeigte Galaria Kaufhof unter den günstigen Anbietern. Da die Markenbekanntheit auch für mich ein entscheidendes Argument bei der Wahl meines Web-Shops darstellt, fiel die Wahl auf Kaufhof. Der erste Eindruck des Web-Shops ist gut. Ein grundsolider Store mit Komplettangebot, preislich im mittleren Bereich. Aber eine Besonderheit musste ins Auge fallen: Abholung & Rückgabe in der Filiale möglich! Galaria Kaufhof nutzt seinen Standortvorteil und hebt sich durch ein Cross-Channel-Commerce-Konzept von der Konkurrenz ab.

Unter Lieferadresse steht neben Rechnungsadresse, separater Lieferadresse, DHL Packstation, Hermes Paketshop auch „an Galaria Kaufhof Filiale liefern” im Angebot. Sehr vollständig und zudem versandkostenfrei. Das ist stark. Bezahlung und Lieferung erfolgen unkompliziert. Bestellbestätigung und Lieferbestätigung bei Eintreffen in der Filiale erfolgen per E-Mail, ebenso der Rechnungsversand. Der erste Eindruck ist sehr positiv.

In der Filiale ist der Eindruck dagegen ernüchternd. Der Abholbereich ist nicht zu sehen. Der freundliche Mann an der Kasse verweist auf die Service-Theke im ersten Untergeschloss. Und tatsächlich: In der hintersten Ecke, hinter allen Haushaltswaren, befindet sich eine Service-Kasse. Abholung erfolgt dort durch Zeigen der Rechnung (müsste zuvor gedruckt werden) oder per Ausweis. Übergeben wird ein Paket, die Übergabe wird von mir exakt wie bei der Post bestätigt, mit einer Touch-Pen-Unterschrift auf einem dieser kleinen elektronischen Geräte, wie sie auch der Postmann bei sich trägt. Allerdings erst, nachdem das Gerät unter der Theke gefunden wurde. Abholung online bestellter Artikel käme immer mehr, meint die Dame vom Service – ist aber wohl noch nicht stündlich an der Tagesordnung.

Stellenwert von Cross Channel im Galerria Kaufhof

Stellenwert von Cross Channel im Galeria Kaufhof

Insgesamt bleibt ein gespaltener Eindruck. Der Shop und das Cross-Channel-Konzept ist innovativ. Abholung in der Filiale ist mit einem Mehrwert für den Kunden verbunden (keine Versandkosten) und lockt ihn in das Ladenlokal. Dort allerdings nichts anderes als eine Poststation einzurichten, erinnert an die vielen kleinen Paket-Kioske, in denen die Mitarbeiter mehr schlecht als recht mit der Technik und den Prozessen des Paketversands hantieren. Denn sie sind schließlich zunächst einmal Reiseverkehrskaufleute, Textilreinigungstechniker oder Betreiber von Solarien. Cross-Channel-Commerce muss vom Unternehmen gelebt werden, wenn es erfolgreich sein soll. Nicht nur gemacht. Das ganze Unternehmen muss diesen Wandel tragen, nicht nur die verantwortlichen Mitarbeiter im Web-Shop. Cross-Channel-Commerce verändert die DNA von Unternehmen – wenn es erfolgreich sein soll. Dies kann nur mit einer exponierten Präsenz im Ladenlokal funktionieren und nicht in der letzten Ecke des Kellers, direkt neben dem Lager, weil es so schön praktisch ist.2

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  1. Branchendialog E-Commerce des BITKOM: 12 Thesen zum Thema Cross-Channel-Commerce
  2. Vergleiche Thesen 1, 7 und 11 des BITKOM-Thesen-Papiers

Retail Design Award für Puma

Auf der diesjährigen EuroShop-Messe 1 wurde neben dem Lebensmitteleinzelhändler Coop.fi Novoli und der Modekette Simons die Marke Puma für das beste Store-Konzept mit dem RetailDesign Award 2 prämiert. Die international orientierte Auszeichnung wird jährlich durch das renommierte EHI Retail Institute mit Sitz in Köln vergeben. Belohnt wurden die Bemühungen rund um den in der japanischen Metropole Osaka eingerichteten Flagship-Store der deutschen Traditionsmarke aus Herzogenaurach. Die synergetische Verbindung von internen und externem Shop-Design, sowie die Anknüpfungspunkte an japanische Architektur wurden hervorgehoben. In der Region Osaka wohnen ca. 17,5 Millionen Menschen. Die Stadt ist das traditionelle Handelszentrum Japans.

Puma Brand Store Osaka (Quelle: Die Photodesigner.de, Ken Schluchtmann)

Puma Brand Store Osaka (Quelle: Die Photodesigner.de, Ken Schluchtmann)

Naturgemäß sind Flagship-Stores eher der Gegenstand von Inititativen der Marke RetailDesign Award als „normale” flächendeckend gleich oder ähnlich gestaltete Niederlassungen typischer Filialisten. Es ist jedoch bemerkenswert, dass im Falle von Coop.fi und Simons — nebem Puma — Konzepte eben dieser gleichwertig auf das Podium gehoben wurden. Möglicherweise war genau diese Ausgewogenheit aus Hersteller-Brand und Einzelhändler-Kette eines der Ziele der Jury bei ihrer Festlegung auf die Prämierten. Eine Preisträgeranalyse der vergangenen Jahre scheint jedenfalls die »gesunde Mischung« als eines der bestimmten Vergabeparadigmen zu belegen. In 2013 gingen die Lebensmittelmärkte Hieber′s Frische Center mit Sitz in Lörrach, das Liverpool Kaufhaus in Mexiko City, der Louis Vuitton „Island Maison” Flagship-Store in Singapur und die Kaufhauskette Neiman Marcus für ihre damals jüngste Eröffnung in Walnut Creek, Kalifornien ein in die Annalen. Und im Jahr 2012 die Kaufhausketten Tsvetnoy in Moskau und Galaria Kaufhof in München sowie die Bekleidungsmarke Uniqlo.

Sollten die ausgezeichneten Konzepte tatsächlich gleichwertig „ein ganzheitliches Storekonzept mit klarer Sortimentsbotschaft” vermitteln, ließe sich daraus ableiten, dass die Einzelhändler dem wachsenden Konkurrenzdruck infolge der online wie offline steigenden Marktpräsenz ihrer eigenen Lieferanten kreativ entgegenwirken.

Post mit Same-Day-Delivery

Die Deutsche Post DHL hat sein Kurier-Angebot um Same-Day-Delivery erweitert. Möglich ist die Lieferung im Wunschzeitfenster »in der Regel« am Tag der Übergabe. Die Zeitfenster sind 18-20 Uhr und 20-22 Uhr. Das Angebot gilt zunächst in den Ballungsgebieten Berlin, Köln, München und dem Ruhrgebiet. Preise auf Anfrage …

Deutsche Post DHL - Lieferung am gleichen tag

Werbung Deutsche Post DHL für Lieferung am gleichen Tag (Quelle: Der Handel, Ausgabe 12/2013)

Die Abholung ist laut Flyer im Umkreis von 200 km zum Zielgebiet möglich; hier stellt sich die Frage ob mit dem Zielgebiet das Liefergebiet gemeint ist. Dann wäre eine Lieferung von Münster nach Dortmund möglich, obwohl Münster außerhalb des Testgebiets liegt. Zusätzlich gibt es aber weiterhin den bekannten Kurier-Service mit individueller Abholung „60 min nach Beauftragung” und bundesweiter Zustellung an den Empfänger persönlich.

Das Angebot richtet sich augenscheinlich an Großkunden und ohne Preisindikation ist eine Bewertung schwierig. Grundsätzlich ist es aber natürlich eine sehr gute Entwicklung, wenn der Marktführer dieses für den Online-Handel wichtige Thema aufgreift.

http://www.dhl.de/kurier/

WTO considers electronic commerce

The Ninth Ministerial Conference met from 3. to 7. of December 2013 in Bali, Indonisia. The most important body of the World Trade Organization (WTO) concludes a new World Trade Agreement—the Bali Ministerial Declaration or “Bali Package” [1]. The annoucement marks the organization’s first agreement since its creation in 1995.

And it includes a “Work Programme on Electronic Commerce”. Because the concluded text is very pleasant and short, I copied the results word by word. You will find the original documents on the WTO home pages [2].

To reiterate the importance of adhering to WTO’s basic principles in the on-going discussion on ecommerce including non-discrimination, predictability and transparency. In that regard, the Work Programme should continue to examine the trade related aspects of, inter alia,enhancing internet connectivity and access to information and telecommunications technologies and public internet sites, the growth of mobile telephony, electronically delivered software, cloud computing, the protection of confidential data, privacy and consumer protection,

To further reiterate that the Work Programme shall take forward the issues emerging in the discussions and the evolving application of e-commerce to enhance economic/development opportunities, with special consideration of the situation in developing countries, particularly in least-developed country Members and least connected countries. It shall continue to examine opportunities and challenges for access to electronic commerce by micro, small and medium sized enterprises, including small producers and suppliers,

To instruct the General Council to hold periodic reviews in its sessions of July and December 2014 and July 2015, based on the reports submitted by the WTO bodies entrusted with the implementation of the Work Programme, to assess its progress and consider any recommendations on possible measures related to electronic commerce in the next session of the Ministerial Conference,

That Members will maintain the current practice of not imposing customs duties on electronic transmissions until our next session, which we have decided to hold in 2015.

I think the most important result is the last one, the members are not planning to install duties an eletronic transmissions. Furthermore the importance of the worldwide electronic business is highlighted at all. At a glance, the results are not mind-blowing. But if we consider, that the WTO represents almost all nations in the world (sic!) and 90% of the global commerce volume, it is very remarkable from my point of view, that electronic commerce is a topic within the Work Program.

[1] WT/MIN/DEC/W/1/Rev.1
[2] WT/MIN(13)/W/3

Entspiegelter Kohl ist Kappes

Die aktuelle Ausgabe des Spiegels führt eine Helmut-Kohl-Geschichte auf dem Titel – wie viele Male zuvor, aber halt eben schon länger nicht mehr. Der Spiegel schließt sich damit der allgemeinen, wohl von der christdemokratischen Union entscheidend angestoßenen Feierstunde an, anlässlich des dreißigsten Jahrestags des Amtsantritts seiner sechszehnjährigen Kanzlerschaft. Ausgerechnet der Spiegel, dem Kohl Zeit seines Lebens jedes Interview verweigerte, ausgerechnet der Spiegel titelt »Die Tragödie des Helmut Kohl«. Er sei betrogen worden, getäuscht und isoliert.

Die allgemeine Berichterstattung zum Jubilar ist differenziert. Nicht außer Acht gelassen wird die Spendenaffäre, aber dennoch stehen in erster Linie die gigantischen Leistungen dieses Mannes für die deutsche Einheit und den zementierten Frieden Europas im Vordergrund. Jakob Augstein [1] gar legt der „Linken“ eine Schweigeminute nah, habe Kohl doch allen linksintellektuellen Schmähungen zum Trotz Grenzen eingerissen. Intelligenz habe nichts mit Intellektualismus zu tun. Starke Aussage – mit der ich so nicht gerechnet hätte.

Also eigentlich auch für den Spiegel ein guter Zeitpunkt seinen Frieden zu machen und von alten Klassenkampfpositionen abzuweichen. Umso größer mein Interesse an der aktuellen Ausgabe. Was hatte die für ihren investigativen Journalismus bekannte Spiegel-Redaktion herausgefunden? Wer hat den Kanzler der Einheit betrogen, getäuscht und isoliert? Was bewog die renommierten Redakteure Jan Fleischhauer und Dirk Kurbjuweit zu dieser mitleidsheischenden Schlagzeile?

Nachdem ich den Artikel studiert habe, kann ich sagen: Ich weiß es nicht.

Ich kann es mir einfach nicht erklären, wie so eine Aussage bei so wenig Substanz auf die Titelseite des angesehenen Nachrichtenmagazins gelangen konnte. Natürlich ist es für Spiegel-Redakteure schwer im Umfeld von Helmut Kohl zu recherchieren; ausgerechnet der Spiegel! Das konstatiert das Duo Fleischhauer/Kurbjuweit auch ganz offen, dass es nicht „ganz leicht” gewesen sei, in diesem „Milieu”. Immerhin meinen sie herausgefunden zu haben, dass Kohl den Spiegel zwar tatsächlich nicht gelesen, sich aber ausführlich habe vorlesen lassen. Ach was, nicht zu fassen!

Aber darüber hinaus? Es sei gelungen „Zugang zum inneren Zirkel zu finden” – einige Leute hätten „geredet”, streng vertraulich. So sei ein Blick hinter die Mauern möglich geworden, ohne in der Burg selbst gewesen zu sein. Aha. Das klingt dramatisch. Berichtet wird im Folgenden vom schweren Sturz des Altkanzlers, von einer schweren Operation am Herzen, von Spätfolgen, wie der körperlichen Lähmung und Schwierigkeiten in der Artikluation. Auch von der rührenden Pflege seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter, welche allerdings ihre Anwesenheit bei Besuchen alter Weggefährten bedingt. Es folgt die Geschichte über den Bruch des Ehepaars Kohl mit dem Ehepaar Eckhard und Hilde Seeber, welche Helmut Kohl über Jahrzehnte engste Vertraute waren. Schließlich wird die Mutmaßung ausgerollt, die schriftlichen Äußerungen der letzten Jahre stammten nicht aus der Feder von ihm – Kohl, sondern von ihr – Kohl-Richter.

Und schließlich das Interview mit Kohls ehemaligem Ghostwriter Heribert Schwan. Seine Statements klingen noch in der sicher überarbeiteten gedruckten Fassung unglaubwürdig. Er sei sich sicher, dass Helmut Kohl Schwans Buch über seine erste Frau Hannelore als „wunderbares Denkmal [ihrer] Lebensleistung” empfinden werde. Schwan gibt aber gleichzeitig zu, viele intime Details nur erfahren zu haben, als es Hannelore sehr schlecht gegangen sei und er sie auf wegen der Lichtallergie nur nächtlich möglichen Spaziergängen begleitet habe. Und Hannelore habe schließlich gewusst, dass er ein Journalist sei. Na, dann!

Fleischhauer und Kurbjuweit konstruieren nun aus dieser und weiteren dramaturgisch angekündigten Veröffentlichungen Heribert Schwans den Betrug und die Täuschung Helmut Kohls. That’s it? Eine Veröffentlichung aus dem Juni 2011 … rechtfertigt eine Titelstory im September 2012? Erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, dass der Spiegel es sich nicht nehmen lässt, ausgerechnet Herrn Schwan als Kronzeugen für das dritte Attribut des Kohl’schen Leidens herzunehmen, der angeblichen Isolation durch seine Frau Maike. Denn er – Schwan – habe keine Möglichkeit mehr ins Haus der Kohls zu kommen. Hm, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ist es dann nicht vielleicht nur logisch und konsequent, dass Herr Schwan kein gern gesehener Gast mehr ist? Egal.

Ob man das Privatleben einer so prominenten Person wie der des Oggersheimers hinterfragen kann, darf oder sogar muss, darüber mag man streiten. Ob liebevolle Pflege eines Mannes im hohen Alter Isolation oder Schutz bedeutet, vermag wohl niemand Dritter wirklich zu beurteilen. Aber wenn man sich schon zu einem Urtail aufschwingt, dann sollten die Substanz und Aktualität in den Aussagen stecken. Und schlimmer noch, jetzt hat der Blogger Stefan Winterbauer gar bemerkt, dass der besagte Leitartikel teilweise wörtlich aus dem eigenen Archiv abgeschrieben wurde [2]. Kein Wunder, dass auch das Buch und das Verhältnis von Walter Kohl zu seinem Vater im Artikel nicht fehlen durften.

Liebe Redaktion des Spiegel, ganz ehrlich: Das war nix!.

[1] Kolumne von Jakob Augstein vom 24. September 2012
[2] Analyse des Bloggers Stefan Winterbauer vom 25. September 2012

Die Deutschen bekommen ihr Geld zurück

Vor dem Deutschlandbesuch des frisch gewählten griechischen Premierministers Antonis Samaras ging eine Meldung durch die deutsche Presse. Der Politiker hatte im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung versprochen: »Die Deutschen bekommen ihr Geld zurück«. Diese für sich genommen positive Aussage, wirft doch unmittelbar Fragen auf. Steht es tatsächlich so schlimm um die griechische Wirtschaft, dass es der energischen Betonung der Rückzahlungsfähigkeit des Mittelmeeranrainerstaates bedarf? Wie selbstverständlich müssen die europäischen Kreditgeber doch grundsätzlich davon ausgehen, dass ein Leihgeschäft mit der Rückzahlung des Leihbetrags einhergeht.

Samaras vor dem Deutschlandbesuch

Samaras vor dem Deutschlandbesuch (Quelle: Süddeutsche Online)

Ich gebe zu, dass ich aufgemerkt habe, als dieser Sachverhalt durch Antonis Samaras vor dem wichtigen Treffen mit Angela Merkel so exaltiert hervorgehoben wurde. Mag sein, dass der griechische Premier damit nur Vertrauen erzeugen wollte. Wie kann aber andererseits ein gewählter Volksvertreter die Rückzahlung versprechen? »Das garantiere ich persönlich« zitiert die Süddeutsche am vergangenen Donnerstag auf der Titelseite. Pikanterweise konstatiert Samaras (prominent platziert unter dem Titelbild von Ausgabe 194 der Süddeutschen Zeitung): »Mir ist nicht so wichtig, ob ich wiedergewählt werde«. Diese ebenfalls löbliche, weil uneigennützige Haltung, bestärkt mich aber in dem Gefühl, dass das Versprechen Samaras′ für sich genommen kaum Gewicht haben kann. Um verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen wären nun Fakten notwendig. Um Fakten zu schaffen benötigt die griechische Regeierung aber offensichtlich mehr Zeit und finanziellen Spielraum. Und dies freilich ohne, dass damit der Erfolg der Sparmaßnahmen, Privatisierungen oder des Bürokratieabbaus garantiert wäre.

Ein Teufelskreis.

Lieber saufen als spekulieren

Mit folgender Anekdote wird gelegentlich reüssiert und zwar in den unterschiedlichsten Umgebungen. Gehört habe ich sie bereits an der Theke – vorgetragen durch den Wirt – und im Hörsaal – vorgetragen durch den Professor!

Wer vor 18 Monaten 1.000 Euro in die Aktien der Deutschen Telekom investiert hat, musste sich 18 Monate lang über fallende Kurse ärgern und hat heute noch 130 Euro übrig. Wer vor 18 Monaten 1.000 Euro in Krombacher Bier investiert hat, der konnte …

  • … 18 Monate lang jede Woche einen Kasten herrliches Pils genießen
  • … war ständig besoffen
  • … hatte viel Spaß
  • … hat den Regenwald gerettet

und … jetzt kommt’s … hat heute noch…

  • Leergut im Wert von über 200 Euro!

Stimmt das? Dass die Volksaktie ein historischer Flop war, das weiss jeder. Aber hat die Telekom ihren Aktionären wirklich  so übel mitgespielt?

Kurz gesagt: Ja, es stimmt.

Aktienkurs der T-Aktie

Aktienkurs der T-Aktie (Quelle: www.t-aktie.de)

Interessanterweise hat die Telekom noch heute eine Webseite mit Informationen rund um ihr Wertpapier [1] im Netz, mit sämtlichen Kursdaten seit der Erstemission. Dort lässt sich ebenso ihr Allzeithoch finden, wie der weitere Kursverlauf. Demnach notierte die Aktie am 3. März 2000 bei einem Kurs von 102,90 Euro. Nehmen wir der glatten Werte wegen an, unser Biertrinker hätte die Aktien direkt bei der Börsenstart erstanden, dann hätte er pro Aktie eine Summe von (umgerechnet) 100,00 Euro bezahlen müssen und für seine 1000 Euro zehn Aktien erhalten. Und tatsächlich, ein gutes halbes Jahr später, am 11. September 2001 stand die Aktie zwischenzeitlich bei 13,12 Euro. Angesichts des historischen Datums sind hier Fremdeffekte nicht von der Hand zu weisen. Außerdem hatte sich der Kurs zum Börsenschluss wieder auf 14,50 Euro stabilisiert. Um also nicht unfair zu sein, rechnen wir mit 15,02 Euro, dem Schlusskurs der Aktie vom 7. September 2001. Bei Verkauf an diesem Tag hätten unsere zehn Aktien also einen Wert von etwa 150 € gehabt, Gebühren unberücksichtigt.

Eine Kiste Krombacher Pils mit 20 mal 0,5 Litern Bier kostet heute etwa 11 Euro. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 1,5% per annum wären das zur angenommenen Einkaufszeit im März 2000 abgezinst und in Euro umgerechnet 9,20 € gewesen. Dazu kommt der Pfand in Höhe von 3,10 € pro Kiste. Das sind aufgerundet 12,50 € für die einfache Rechnung und weil mir Untersuchungsergebnisse der inflationsbedingten Preisentwicklung von deutschem Qualitätspils unbekannt sind. Für die Summe von 1000 Euro erhalten wir 80 Kisten: 1600 Flaschen mit 800 Litern Bier. Bei gut 553 Tagen Verzicht auf die Volksaktie stünden damit knapp 1,5 Liter Bier pro Tag zur Verfügung – genug um ständig beschickert zu sein und den Pegel zu halten, Gewöhnungseffekte und Alkoholikerallüren unberücksichtigt. Und auch hier stimmt’s: Die Plastikkiste bringt 1,50 Euro, die Flasche 0,08 Euro, macht somit eine Summe von insgesamt 310 Euro Pfand, welche unserem aktienaversieven Genusstrinker am Ende der Aktion verbleiben, also eine mehr als doppelt so große Summe wie beim Kauf von Telekom-Aktien!

Wer nun einwendet, die Rechnung sei unrealistisch, weil vom Kauf zum Allzeithoch und Verkauf bei niedrigem Kurs ausgegangen wird – der Aktionär hätte nicht Mitte September 2001 verkauft, schon gar nicht nach 9/11 – der irrt. Hätte er lieber verkauft, denn nach kurzer Erholung der Aktie bis zum Zwischenhoch im Januar 2002 (20,16 Euro) sank er auf einen mittleren Wert um 15 Euro, den er einige Jahre halten konnte, bevor er nun gar kontinuierlich um 10 Euro schwankt.

Quintessenz: Die Rechnung stimmt!

Den Regenwald gerettet hätte unser Trinker aber nicht. Einen Quadratmeter Wald pro Kiste versprach die Brauerei erst ab 2002.

[1] http://www.t-aktie.de

Der Kartoffelkönig

Der Kartoffelkönig wird Friedrich der II. – der Große – von Preußen genannt, weil ihm die methodische Verbreitung des Nachtschattengewächses zunächst in seinem Herrschaftsgebiet nachgesagt wird; was in der Folge zum ihren Aufstieg zur deutschen Nationalfrucht führte. Irgendwie mögen sie ihn, die Deutschen, “ihren” alten Fritz, und so verwundert es nicht, dass neben den Siegen über die Habsburger-Monarchie eben auch diese Tradition gerne auf Friedrich zurückgeführt wird. Es braucht sicherlich auch mehr als nur militärische Erfolge, um als “Großer” in die Geschichte eingehen zu dürfen.

Von der Bedeutung des Mythos um die Ursprünge der Knollenfrucht zeugt nun die Tatsache, dass ihm eine eigene Ausstellung gewidmet wird und zwar vom Haus der Preußisch-Brandenburgischen Geschichte [1] in Potsdam. Dort wird unter dem Titel »König und Kartoffel – Friedrich der Große und die preußischen Tartuffoli« der ganze Zusammenhang wissenschaftlich analysiert aufbereitet.

Tatsächlich hat der König mit sogenannten “Kartoffelbefehlen” die Saat der Frucht gefordert und gefördert. So informieren die beiden Kuratorinnen der Ausstellung, Antonia Humm und Marina Heilmeyer: »Es stand drin, die Untertanen sollen Kartoffeln anbauen und jährlich darüber Bericht erstatten, wie viele Kartoffeln ausgesät und wie viel geerntet wurden« in einem Interview des Deutschlandfunks [2]. Diese Maßnahme diente aber nicht nur der Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung der armen und in Kriegszeiten vom Hunger bedrohten Bevölkerung. Richtig ist demnach auch, dass Getreide vornehmlich für die Versorgung der Armee vorgesehen war. Und die Zivilbevölkerung Kartoffeln essen sollte, damit das Korn für die Soldaten reserviert war.

Falsch ist nach den Analysen der Wissenschaftler wohl auch die Legende von den Kartoffelfeldern, die Friedrich angeblich nur tagsüber streng bewachen ließ, um den Eindruck eines besonderen Werts der Früchte zu erzeugen, was dann zum wohlkalkulierten Mundraub durch die neugierige Bevölkerung führte. Wahr ist dagegen, dass die Académie Française angesichts einer Hungersnot im Jahr 1769 einen Preis für geeignete Maßnahmen zur besseren Versorgung ausschrieb. Gewonnen hat diesen Antoine Parmentier mit einem Aufsatz über den Kartoffelanbau. Dies trug entscheidend zur Verbreitung der Frucht in Frankreich bei und Parmentier den Ruf als Vater des Kartoffelanbaus in Frankreich. Entlarvend ist allerdings, dass ihm – ebenso wie Friedrich in Deutschland − die Legende des bewachten Kartoffelfelds zugedacht wird, nur viel früher. Wahrscheinlich wurde diese Anekdote später auf Friedrich übertragen.

Wieder ein falscher Mythos, der zuvor von manchem Lehrer im Fach Geschichte als Teil derselben benannt wurde. Danke an die Analysten des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte.

[1] http://www.hbpg.de/
[2] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1818441/

Der liebe Sarrazin

Die deutsche Öffentlichkeit reagiert gespalten auf die Publikation des Verwaltungsspezialisten1 Thilo Sarrazin. Dabei ist zunächst festzuhalten, dass die wesentlichen und in den Medien diskutierten Thesen seiner beiden jüngsten Publikationen »Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen« und »Europa braucht den Euro nicht. Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat« alles andere als political correct oder common sense wären. Insoweit müssen die populärwissenschaftlichen Publikationen also entweder mutig oder aufmerksamkeitsheischend genannt werden.

Bei Sarrazin stellt sich aber dummerweise das Problem, dass grundsätzlich keine – oder keine offenkundig – nachvollziehbare Notwendigkeit für ausgeprägten Populismus gibt. Anders als zum Beispiel im Falle von Wolfgang Clement nach der Bundestagswahlniederlage 2005 mit anschließender parteipolitischer Bedeutungslosigkeit oder schon früher bei Peer Steinbrück als scheidendem Finanzminister war Sarrazin zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichungen Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, hatte zuvor für diese Position sein Amt als Berliner Finanzsenator niedergelegt und konnte auf eine absolut erfolgreiche Karriere im öffentlichen Dienst zurückschauen. Dies alles macht es schwer seine unbequemen Thesen a priori ad absurdum zu führen. Diese Fakten allein bieten aber freilich auch keine Indikation über den wirklichen Sinn oder Unsinn seiner Thesen.

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  1. So genannt auf Wikipedia