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Entspiegelter Kohl ist Kappes

Die aktuelle Ausgabe des Spiegels führt eine Helmut-Kohl-Geschichte auf dem Titel – wie viele Male zuvor, aber halt eben schon länger nicht mehr. Der Spiegel schließt sich damit der allgemeinen, wohl von der christdemokratischen Union entscheidend angestoßenen Feierstunde an, anlässlich des dreißigsten Jahrestags des Amtsantritts seiner sechszehnjährigen Kanzlerschaft. Ausgerechnet der Spiegel, dem Kohl Zeit seines Lebens jedes Interview verweigerte, ausgerechnet der Spiegel titelt »Die Tragödie des Helmut Kohl«. Er sei betrogen worden, getäuscht und isoliert.

Die allgemeine Berichterstattung zum Jubilar ist differenziert. Nicht außer Acht gelassen wird die Spendenaffäre, aber dennoch stehen in erster Linie die gigantischen Leistungen dieses Mannes für die deutsche Einheit und den zementierten Frieden Europas im Vordergrund. Jakob Augstein [1] gar legt der „Linken“ eine Schweigeminute nah, habe Kohl doch allen linksintellektuellen Schmähungen zum Trotz Grenzen eingerissen. Intelligenz habe nichts mit Intellektualismus zu tun. Starke Aussage – mit der ich so nicht gerechnet hätte.

Also eigentlich auch für den Spiegel ein guter Zeitpunkt seinen Frieden zu machen und von alten Klassenkampfpositionen abzuweichen. Umso größer mein Interesse an der aktuellen Ausgabe. Was hatte die für ihren investigativen Journalismus bekannte Spiegel-Redaktion herausgefunden? Wer hat den Kanzler der Einheit betrogen, getäuscht und isoliert? Was bewog die renommierten Redakteure Jan Fleischhauer und Dirk Kurbjuweit zu dieser mitleidsheischenden Schlagzeile?

Nachdem ich den Artikel studiert habe, kann ich sagen: Ich weiß es nicht.

Ich kann es mir einfach nicht erklären, wie so eine Aussage bei so wenig Substanz auf die Titelseite des angesehenen Nachrichtenmagazins gelangen konnte. Natürlich ist es für Spiegel-Redakteure schwer im Umfeld von Helmut Kohl zu recherchieren; ausgerechnet der Spiegel! Das konstatiert das Duo Fleischhauer/Kurbjuweit auch ganz offen, dass es nicht „ganz leicht” gewesen sei, in diesem „Milieu”. Immerhin meinen sie herausgefunden zu haben, dass Kohl den Spiegel zwar tatsächlich nicht gelesen, sich aber ausführlich habe vorlesen lassen. Ach was, nicht zu fassen!

Aber darüber hinaus? Es sei gelungen „Zugang zum inneren Zirkel zu finden” – einige Leute hätten „geredet”, streng vertraulich. So sei ein Blick hinter die Mauern möglich geworden, ohne in der Burg selbst gewesen zu sein. Aha. Das klingt dramatisch. Berichtet wird im Folgenden vom schweren Sturz des Altkanzlers, von einer schweren Operation am Herzen, von Spätfolgen, wie der körperlichen Lähmung und Schwierigkeiten in der Artikluation. Auch von der rührenden Pflege seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter, welche allerdings ihre Anwesenheit bei Besuchen alter Weggefährten bedingt. Es folgt die Geschichte über den Bruch des Ehepaars Kohl mit dem Ehepaar Eckhard und Hilde Seeber, welche Helmut Kohl über Jahrzehnte engste Vertraute waren. Schließlich wird die Mutmaßung ausgerollt, die schriftlichen Äußerungen der letzten Jahre stammten nicht aus der Feder von ihm – Kohl, sondern von ihr – Kohl-Richter.

Und schließlich das Interview mit Kohls ehemaligem Ghostwriter Heribert Schwan. Seine Statements klingen noch in der sicher überarbeiteten gedruckten Fassung unglaubwürdig. Er sei sich sicher, dass Helmut Kohl Schwans Buch über seine erste Frau Hannelore als „wunderbares Denkmal [ihrer] Lebensleistung” empfinden werde. Schwan gibt aber gleichzeitig zu, viele intime Details nur erfahren zu haben, als es Hannelore sehr schlecht gegangen sei und er sie auf wegen der Lichtallergie nur nächtlich möglichen Spaziergängen begleitet habe. Und Hannelore habe schließlich gewusst, dass er ein Journalist sei. Na, dann!

Fleischhauer und Kurbjuweit konstruieren nun aus dieser und weiteren dramaturgisch angekündigten Veröffentlichungen Heribert Schwans den Betrug und die Täuschung Helmut Kohls. That’s it? Eine Veröffentlichung aus dem Juni 2011 … rechtfertigt eine Titelstory im September 2012? Erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, dass der Spiegel es sich nicht nehmen lässt, ausgerechnet Herrn Schwan als Kronzeugen für das dritte Attribut des Kohl’schen Leidens herzunehmen, der angeblichen Isolation durch seine Frau Maike. Denn er – Schwan – habe keine Möglichkeit mehr ins Haus der Kohls zu kommen. Hm, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ist es dann nicht vielleicht nur logisch und konsequent, dass Herr Schwan kein gern gesehener Gast mehr ist? Egal.

Ob man das Privatleben einer so prominenten Person wie der des Oggersheimers hinterfragen kann, darf oder sogar muss, darüber mag man streiten. Ob liebevolle Pflege eines Mannes im hohen Alter Isolation oder Schutz bedeutet, vermag wohl niemand Dritter wirklich zu beurteilen. Aber wenn man sich schon zu einem Urtail aufschwingt, dann sollten die Substanz und Aktualität in den Aussagen stecken. Und schlimmer noch, jetzt hat der Blogger Stefan Winterbauer gar bemerkt, dass der besagte Leitartikel teilweise wörtlich aus dem eigenen Archiv abgeschrieben wurde [2]. Kein Wunder, dass auch das Buch und das Verhältnis von Walter Kohl zu seinem Vater im Artikel nicht fehlen durften.

Liebe Redaktion des Spiegel, ganz ehrlich: Das war nix!.

[1] Kolumne von Jakob Augstein vom 24. September 2012
[2] Analyse des Bloggers Stefan Winterbauer vom 25. September 2012