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Galaria Cross Channel Commerce

Der Branchendialog E-Commerce des BITKOM hat zwölf Thesen zum Thema Cross-Channel-Commerce erarbeitet.1 Ein gutes Beispiel für die richtige Messlatte von Cross-Channel-Commerce ist die Galaria Kaufhof GmbH.

Kaufhof ist Kaufhaus. Kaufhof ist alteingesessen. Kaufhof ist präsent in Deutschlands Innenstädten; mit gigantischen Beton-, und großen Glas-Palästen. Kaufhof ist in allen Generationen bekannt. Kaufhaus ist Komplettangebot – Klamotten, Schmuck, Haushaltswaren, Schreibbedarf, Spielzeug, Sport, Restaurant & Frisör – all das ist Kaufhof. Aber der Kaufhof ist auch ein Relikt. Die sehr alten Häuser (Beispiel: Köln) versprühen zwar Jugendstilcharme, aber insbesondere die Nachkriegshäuser können auch mit noch so viel „Galaria” ihr fensterloses Nachkriegszeugnis nicht ablegen. Das ist viel Potential, aber auch viel Herausforderung bei der Überführung in die Digitale Transformation des Handels zur Jahrtausendwende.

Einen persönlichen Standestest konnte ich kürzlich bei der Suche nach dem von mir favorisierten Duschgel erleben. Google Shopping zeigte Galaria Kaufhof unter den günstigen Anbietern. Da die Markenbekanntheit auch für mich ein entscheidendes Argument bei der Wahl meines Web-Shops darstellt, fiel die Wahl auf Kaufhof. Der erste Eindruck des Web-Shops ist gut. Ein grundsolider Store mit Komplettangebot, preislich im mittleren Bereich. Aber eine Besonderheit musste ins Auge fallen: Abholung & Rückgabe in der Filiale möglich! Galaria Kaufhof nutzt seinen Standortvorteil und hebt sich durch ein Cross-Channel-Commerce-Konzept von der Konkurrenz ab.

Unter Lieferadresse steht neben Rechnungsadresse, separater Lieferadresse, DHL Packstation, Hermes Paketshop auch „an Galaria Kaufhof Filiale liefern” im Angebot. Sehr vollständig und zudem versandkostenfrei. Das ist stark. Bezahlung und Lieferung erfolgen unkompliziert. Bestellbestätigung und Lieferbestätigung bei Eintreffen in der Filiale erfolgen per E-Mail, ebenso der Rechnungsversand. Der erste Eindruck ist sehr positiv.

In der Filiale ist der Eindruck dagegen ernüchternd. Der Abholbereich ist nicht zu sehen. Der freundliche Mann an der Kasse verweist auf die Service-Theke im ersten Untergeschloss. Und tatsächlich: In der hintersten Ecke, hinter allen Haushaltswaren, befindet sich eine Service-Kasse. Abholung erfolgt dort durch Zeigen der Rechnung (müsste zuvor gedruckt werden) oder per Ausweis. Übergeben wird ein Paket, die Übergabe wird von mir exakt wie bei der Post bestätigt, mit einer Touch-Pen-Unterschrift auf einem dieser kleinen elektronischen Geräte, wie sie auch der Postmann bei sich trägt. Allerdings erst, nachdem das Gerät unter der Theke gefunden wurde. Abholung online bestellter Artikel käme immer mehr, meint die Dame vom Service – ist aber wohl noch nicht stündlich an der Tagesordnung.

Stellenwert von Cross Channel im Galerria Kaufhof

Stellenwert von Cross Channel im Galeria Kaufhof

Insgesamt bleibt ein gespaltener Eindruck. Der Shop und das Cross-Channel-Konzept ist innovativ. Abholung in der Filiale ist mit einem Mehrwert für den Kunden verbunden (keine Versandkosten) und lockt ihn in das Ladenlokal. Dort allerdings nichts anderes als eine Poststation einzurichten, erinnert an die vielen kleinen Paket-Kioske, in denen die Mitarbeiter mehr schlecht als recht mit der Technik und den Prozessen des Paketversands hantieren. Denn sie sind schließlich zunächst einmal Reiseverkehrskaufleute, Textilreinigungstechniker oder Betreiber von Solarien. Cross-Channel-Commerce muss vom Unternehmen gelebt werden, wenn es erfolgreich sein soll. Nicht nur gemacht. Das ganze Unternehmen muss diesen Wandel tragen, nicht nur die verantwortlichen Mitarbeiter im Web-Shop. Cross-Channel-Commerce verändert die DNA von Unternehmen – wenn es erfolgreich sein soll. Dies kann nur mit einer exponierten Präsenz im Ladenlokal funktionieren und nicht in der letzten Ecke des Kellers, direkt neben dem Lager, weil es so schön praktisch ist.2

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  1. Branchendialog E-Commerce des BITKOM: 12 Thesen zum Thema Cross-Channel-Commerce
  2. Vergleiche Thesen 1, 7 und 11 des BITKOM-Thesen-Papiers

WTO considers electronic commerce

The Ninth Ministerial Conference met from 3. to 7. of December 2013 in Bali, Indonisia. The most important body of the World Trade Organization (WTO) concludes a new World Trade Agreement—the Bali Ministerial Declaration or “Bali Package” [1]. The annoucement marks the organization’s first agreement since its creation in 1995.

And it includes a “Work Programme on Electronic Commerce”. Because the concluded text is very pleasant and short, I copied the results word by word. You will find the original documents on the WTO home pages [2].

To reiterate the importance of adhering to WTO’s basic principles in the on-going discussion on ecommerce including non-discrimination, predictability and transparency. In that regard, the Work Programme should continue to examine the trade related aspects of, inter alia,enhancing internet connectivity and access to information and telecommunications technologies and public internet sites, the growth of mobile telephony, electronically delivered software, cloud computing, the protection of confidential data, privacy and consumer protection,

To further reiterate that the Work Programme shall take forward the issues emerging in the discussions and the evolving application of e-commerce to enhance economic/development opportunities, with special consideration of the situation in developing countries, particularly in least-developed country Members and least connected countries. It shall continue to examine opportunities and challenges for access to electronic commerce by micro, small and medium sized enterprises, including small producers and suppliers,

To instruct the General Council to hold periodic reviews in its sessions of July and December 2014 and July 2015, based on the reports submitted by the WTO bodies entrusted with the implementation of the Work Programme, to assess its progress and consider any recommendations on possible measures related to electronic commerce in the next session of the Ministerial Conference,

That Members will maintain the current practice of not imposing customs duties on electronic transmissions until our next session, which we have decided to hold in 2015.

I think the most important result is the last one, the members are not planning to install duties an eletronic transmissions. Furthermore the importance of the worldwide electronic business is highlighted at all. At a glance, the results are not mind-blowing. But if we consider, that the WTO represents almost all nations in the world (sic!) and 90% of the global commerce volume, it is very remarkable from my point of view, that electronic commerce is a topic within the Work Program.

[1] WT/MIN/DEC/W/1/Rev.1
[2] WT/MIN(13)/W/3

Entspiegelter Kohl ist Kappes

Die aktuelle Ausgabe des Spiegels führt eine Helmut-Kohl-Geschichte auf dem Titel – wie viele Male zuvor, aber halt eben schon länger nicht mehr. Der Spiegel schließt sich damit der allgemeinen, wohl von der christdemokratischen Union entscheidend angestoßenen Feierstunde an, anlässlich des dreißigsten Jahrestags des Amtsantritts seiner sechszehnjährigen Kanzlerschaft. Ausgerechnet der Spiegel, dem Kohl Zeit seines Lebens jedes Interview verweigerte, ausgerechnet der Spiegel titelt »Die Tragödie des Helmut Kohl«. Er sei betrogen worden, getäuscht und isoliert.

Die allgemeine Berichterstattung zum Jubilar ist differenziert. Nicht außer Acht gelassen wird die Spendenaffäre, aber dennoch stehen in erster Linie die gigantischen Leistungen dieses Mannes für die deutsche Einheit und den zementierten Frieden Europas im Vordergrund. Jakob Augstein [1] gar legt der „Linken“ eine Schweigeminute nah, habe Kohl doch allen linksintellektuellen Schmähungen zum Trotz Grenzen eingerissen. Intelligenz habe nichts mit Intellektualismus zu tun. Starke Aussage – mit der ich so nicht gerechnet hätte.

Also eigentlich auch für den Spiegel ein guter Zeitpunkt seinen Frieden zu machen und von alten Klassenkampfpositionen abzuweichen. Umso größer mein Interesse an der aktuellen Ausgabe. Was hatte die für ihren investigativen Journalismus bekannte Spiegel-Redaktion herausgefunden? Wer hat den Kanzler der Einheit betrogen, getäuscht und isoliert? Was bewog die renommierten Redakteure Jan Fleischhauer und Dirk Kurbjuweit zu dieser mitleidsheischenden Schlagzeile?

Nachdem ich den Artikel studiert habe, kann ich sagen: Ich weiß es nicht.

Ich kann es mir einfach nicht erklären, wie so eine Aussage bei so wenig Substanz auf die Titelseite des angesehenen Nachrichtenmagazins gelangen konnte. Natürlich ist es für Spiegel-Redakteure schwer im Umfeld von Helmut Kohl zu recherchieren; ausgerechnet der Spiegel! Das konstatiert das Duo Fleischhauer/Kurbjuweit auch ganz offen, dass es nicht „ganz leicht” gewesen sei, in diesem „Milieu”. Immerhin meinen sie herausgefunden zu haben, dass Kohl den Spiegel zwar tatsächlich nicht gelesen, sich aber ausführlich habe vorlesen lassen. Ach was, nicht zu fassen!

Aber darüber hinaus? Es sei gelungen „Zugang zum inneren Zirkel zu finden” – einige Leute hätten „geredet”, streng vertraulich. So sei ein Blick hinter die Mauern möglich geworden, ohne in der Burg selbst gewesen zu sein. Aha. Das klingt dramatisch. Berichtet wird im Folgenden vom schweren Sturz des Altkanzlers, von einer schweren Operation am Herzen, von Spätfolgen, wie der körperlichen Lähmung und Schwierigkeiten in der Artikluation. Auch von der rührenden Pflege seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter, welche allerdings ihre Anwesenheit bei Besuchen alter Weggefährten bedingt. Es folgt die Geschichte über den Bruch des Ehepaars Kohl mit dem Ehepaar Eckhard und Hilde Seeber, welche Helmut Kohl über Jahrzehnte engste Vertraute waren. Schließlich wird die Mutmaßung ausgerollt, die schriftlichen Äußerungen der letzten Jahre stammten nicht aus der Feder von ihm – Kohl, sondern von ihr – Kohl-Richter.

Und schließlich das Interview mit Kohls ehemaligem Ghostwriter Heribert Schwan. Seine Statements klingen noch in der sicher überarbeiteten gedruckten Fassung unglaubwürdig. Er sei sich sicher, dass Helmut Kohl Schwans Buch über seine erste Frau Hannelore als „wunderbares Denkmal [ihrer] Lebensleistung” empfinden werde. Schwan gibt aber gleichzeitig zu, viele intime Details nur erfahren zu haben, als es Hannelore sehr schlecht gegangen sei und er sie auf wegen der Lichtallergie nur nächtlich möglichen Spaziergängen begleitet habe. Und Hannelore habe schließlich gewusst, dass er ein Journalist sei. Na, dann!

Fleischhauer und Kurbjuweit konstruieren nun aus dieser und weiteren dramaturgisch angekündigten Veröffentlichungen Heribert Schwans den Betrug und die Täuschung Helmut Kohls. That’s it? Eine Veröffentlichung aus dem Juni 2011 … rechtfertigt eine Titelstory im September 2012? Erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, dass der Spiegel es sich nicht nehmen lässt, ausgerechnet Herrn Schwan als Kronzeugen für das dritte Attribut des Kohl’schen Leidens herzunehmen, der angeblichen Isolation durch seine Frau Maike. Denn er – Schwan – habe keine Möglichkeit mehr ins Haus der Kohls zu kommen. Hm, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ist es dann nicht vielleicht nur logisch und konsequent, dass Herr Schwan kein gern gesehener Gast mehr ist? Egal.

Ob man das Privatleben einer so prominenten Person wie der des Oggersheimers hinterfragen kann, darf oder sogar muss, darüber mag man streiten. Ob liebevolle Pflege eines Mannes im hohen Alter Isolation oder Schutz bedeutet, vermag wohl niemand Dritter wirklich zu beurteilen. Aber wenn man sich schon zu einem Urtail aufschwingt, dann sollten die Substanz und Aktualität in den Aussagen stecken. Und schlimmer noch, jetzt hat der Blogger Stefan Winterbauer gar bemerkt, dass der besagte Leitartikel teilweise wörtlich aus dem eigenen Archiv abgeschrieben wurde [2]. Kein Wunder, dass auch das Buch und das Verhältnis von Walter Kohl zu seinem Vater im Artikel nicht fehlen durften.

Liebe Redaktion des Spiegel, ganz ehrlich: Das war nix!.

[1] Kolumne von Jakob Augstein vom 24. September 2012
[2] Analyse des Bloggers Stefan Winterbauer vom 25. September 2012